Gemeinschaft und Gesellschaft

Das Begriffspaar Gemeinschaft und Gesellschaft wurde durch den deutschen Soziologen Ferdinand Tönnies (1855-1936) geprägt. Tönnies ordnet beiden Polen eine Assoziationskette ähnlicher Begriffe und damit verbundener Eigenschaften zu. Während Gesellschaft für ein zweckhaftes, rationales Handeln steht, zielt Gemeinschaft auf ein Tun und Wirken, das den Zweck in sich selbst trägt, also nicht-instrumentell ist. Zur Assoziationskette der Gemeinschaft zählt Tönnies: Familienleben, Eintracht, Gesinnung, Volk, Dorf, Sitte, Gemüt, Gemeinwesen. Gesellschaft hingegen sieht er verwandt mit Großstadt, Konvention, Berechnung, Bürokratie.

Tönnies Vorstellungen wurden in der nationalsozialistischen Ideologie einer Volksgemeinschaft manipulativ und zum Teil sinnwidrig verwendet. Deshalb war es kaum möglich, nach dem 2. Weltkrieg positiv an Tönnies Gedanken anzuknüpfen. Dies änderte sich durch die Debatte um den amerikanischen Kommunitarismus, der mit dem Gedanken der "community" auch den Gemeinschaftsbegriff in Deutschland wieder "hoffähig" machte. Hierbei scheint es gerade der Bezugspunkt einer lebenswerten Gemeinschaft zu sein, der zum Ziel und Medium Bürgerschaftlichen Engagements geworden ist.

Der Bamberger Soziologe Gerhard Schulze entwickelte eine differenzierte Sicht von Gemeinschaft und Gesellschaft. Seiner Ansicht nach geht es nicht darum, eine auf Gemeinschaft gerichtete, nicht-instrumentelle, "seinsgerichtetes" Perspektive immer einer gesellschaftlichen, "könnensgerichteten" Perspektive vorzuziehen. So erwarten wir zum Beispiel vom Staat ein rationales Handeln, das nicht auf persönlichen Beziehungen und Freundschaften beruht. Demgegenüber erwarten wir in der Familie oder im unmittelbaren Lebensumfeld ein auf gegenseitige Sympathie gegründetes Miteinander. Insofern kann die Unterscheidung von Tönnies auch dazu dienen, verschiedene Handlungsformen und ihre entsprechenden legitimen Orte zu bestimmen. Bürgerschaftliches Engagement ist sicher in den meisten Fällen der gemeinschaftlichen Perspektive zuzurechnen.

Literatur:
Ferdinand Tönnies: Gemeinschaft und Gesellschaft, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1963
Micha Brumlik; Hauke Brunkhorst (Hg.): Gemeinschaft und Gerechtigkeit, Frankfurt am Main: Fischer-Taschenbuch-Verlag 1993
Gerhard Schulze: Die Beste aller Welten. Wohin bewegt sich die Gesellschaft im 21. Jahrhundert, München: Hanser 2003

 

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