Neue Soziale Bewegungen

Unter dem Sammelbegriff der Neuen Sozialen Bewegungen (NSB) versteht man vor allem die in den 70er und 80er Jahren des 20. Jahrhunderts entstandenen oder neu belebten Strömungen wie die Frauen-, die Alternativ-, die Friedens-, die Selbsthilfe- oder die ökologische Bewegung. Obwohl sie zum Teil sehr unterschiedliche Ziele anstrebten, kann man doch davon ausgehen, dass sie in vielfältiger Weise zur Entwicklung und Modernisierung Bürgerschaftlichen Engagements beigetragen haben, das sich außerhalb der traditionellen Verbände, Kirchen oder Parteien entwickelt hat.

Die NSB hatten insgesamt versucht, die nach ihren Grundgedanken hin vernachlässigten Schlüsselfragen moderner Gesellschaften durch eine Bürgerbewegung "von unten" in das Bewusstein der Öffentlichkeit und der offiziellen Politik zu tragen, der sie nicht selten distanziert gegenüber standen. Ihre Aktionen und Projekte waren vielfach von eher informellen Strukturen getragen, die nicht unbedingt auf Dauerhaftigkeit angelegt sein sollten. Auch der individuelle thematische Bezug (Selbstbetroffenheit) zum allgemeinen Ziel der Bewegung gehört zu einem wichtigen Merkmal der NSB, das sie mit dem Neuen Ehrenamt verknüpft.

Diese Charakteristika sozialer Bewegungen sind allerdings nicht neu. Sie gehören zu jeder sich dynamisch entwickelnden modernen und demokratisch sich verstehenden Gesellschaft. Der Soziologie Otthein Rammstedt definiert soziale Bewegung wie folgt: "Unter sozialer Bewegung soll ein Prozess des Protests gegen bestehende soziale Verhältnisse verstanden werden, der bewusst getragen wird von einer an Mitgliedern wachsenden Gruppierung, die nicht formal organisiert zu sein braucht." Zur Erläuterung dieser Definition führt Rammstedt weitere Merkmale sozialer Bewegung an. Zum Beispiel beruht soziale Bewegung auf einer sozialen Kraft, die nicht an den Grenzen von Vereinen, Parteien oder anderen Organisationsformen endet; ihr Lebensprinzip ist die ständige Erneuerung und beschleunigte Bewegung; Stillstand bedeutet ihren Niedergang; sie hat einen determinierten Prozessverlauf von Beginn, Blüte, Niedergang unter der Bedingung, dass die gesellschaftlichen Umstände, auf die sie reagiert, sich nicht verändern; letztendlich zielt sie auf eine grundsätzliche Kritik am sozialen Ganzen, auch wenn bestimmte partielle Forderungen erhoben werden; sie wird von Gruppierungen getragen, die Symbole oder auch Ideologien zur ihrer Stabilisierung ausbilden können; soziale Bewegung ist durch wachsende Mitgliederzahlen dynamisch. Der Zuwachs sichert ihre Innovationskraft.

Literatur:
Otthein Rammstedt: Soziale Bewegung, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1978
Dieter Rucht: Modernisierung und neue soziale Bewegungen. Deutschland, Frankreich und USA im Vergleich. Campus Verlag, Frankfurt am Main / New York 1994
Roth, Roland; Rucht, Dieter: Die sozialen Bewegungen in Deutschland seit 1945. Ein Handbuch. Campus Verlag, Frankfurt am Main 2007

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