Solidarität

Solidarität bedeutet Zusammengehörigkeit, Verbundenheit. Das Wort stammt vom französischen solidaire bzw. vom lateinischen solidus und heißt echt, ganz. Die deutsche Sprache kennt das Wort solid mit der Bedeutung fest, zuverlässig. Solidus ist auch mit dem lateinischen salvus verwandt; zu Deutsch: heil, gesund.

Der Begriff der Solidarität hat in der Moderne verschiedene Ausformungen erfahren. Zunächst findet er sich im Zentrum des "Solidarismus", eines wichtigen Zweigs der katholischen Soziallehre. Er betont hier das wechselseitige Aufeinander-angewiesen-Sein der Menschen, die in einer Gesellschaft zusammenleben. Diese "Gemeinverstrickung" zieht aber zugleich eine "Gemeinhaftung", also eine sittliche Verantwortung eines jeden für den Anderen, nach sich. Der Starke soll für den Schwachen, der Wohlhabende für den Armen einstehen. "Handle so, wie es dir als Glied der Gemeinschaft angesichts der Bindung und Rückbindung, in der du mit ihr stehst, geziemt", so formuliert der Solidarismus seinen kategorischen Imperativ. Selbstverständlich sind dessen Vordenker Heinrich Pesch und Oswald von Nell-Breuning (Oswald von Nell-Breuning: Baugesetze der Gesellschaft Freiburg, im Breisgau 1968) nicht so blauäugig zu glauben, jeder Mensch würde sich faktisch an dieses Gebot halten. Es gibt immer Trittbrettfahrer, und eine freie Gesellschaft kann die Mitarbeit des Einzelnen am Gemeinwohl nicht generell erzwingen. Daher benötigen wir über die freiwillige Übereinkunft hinaus den Sozialstaat als eine das Gemeinwohl organisierende und garantierende Instanz. Dem Gedanken der Solidarität wird damit eine objektive und verfassungsrechtlich verankerte Gestalt gegeben. So wird zum Beispiel ein Pflichtsystem entwickelt, wie Armuts- oder Altersrisiken gegenseitig abgesichert sind.

Etwa zur gleichen Zeit wie der Solidarismus entwickelte der französische Soziologe Emile Durkheim eine zweite Lesart des Solidaritätsbegriffes (Emile Durkheim: Über die Teilung der sozialen Arbeit. Frankfurt am Main 1977). Er hat herausgearbeitet, dass sich in modernen Gesellschaften eine ‚organische Solidarität‘ entwickelt, die von der ‚mechanischen Solidarität‘ vormoderner Gesellschaften zu unterscheiden ist. Während die solidarischen Beziehungen der Menschen im Feudalsystem auf einem vergleichbaren gesellschaftlichen Stand beruhten – Ritter waren Rittern, Priester waren Priestern, Bauern waren Bauern gerade deshalb verbunden, weil sie das Gleiche taten und sich in der gleichen sozialen Lage befanden –, so besteht der Zusammenhalt der modernen Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft vor allem durch die Unterschiede der einzelnen Gesellschaftsteile:  Wie ein Lebewesen, das sich aus Organen mit unterschiedlichen Funktionen zusammensetzt, basiert unsere Gesellschaft auf einer hochgradig komplexen Arbeitsteilung. Gerade die Ausdifferenzierung bedingt das Aufeinander-Angewiesen-Sein. Der Markt ist dabei ein wichtiger Ort, auf dem diese Integrationsleistung zum Ausdruck kommt.
Aber die Zugangs- und Anerkennungschancen sind nicht gleich verteilt. Der Markt grenzt Menschen ohne Kaufkraft aus und im System der Ökonomie gibt es Konflikte zwischen Arbeit und Kapital.

Hier kommt eine dritte Bedeutung der Solidarität ins Spiel, die insbesondere für →soziale Bewegungen prägend war: Die Frauen- und die Arbeiterbewegung um 1900 sahen Solidarität als Mittel der politischen Durchsetzung im Kampf um Gerechtigkeit. Solidarität ist insofern die Bindekraft zwischen Menschen, die ihr Schicksal gemeinsam verbessern wollen. Auch diese Impulse nahm der Sozialstaat auf, zum Beispiel durch die Schaffung der Arbeitslosenversicherung oder die rechtliche und politische Gleichstellung der Frau.

Literatur:
Kurt Bayertz: Solidarität: Begriff und Problem, Frankfurt am Main 1998

 

zurück zur Übersicht