Tätigkeitsgesellschaft

Der Begriff der Tätigkeitsgesellschaft hat sich im Gegensatz zum Begriff der Erwerbs-/Arbeitsgesellschaft entwickelt: Kritische Ökonomen mahnen schon seit Jahren, den gesellschaftlichen Reichtum nicht mit dem durch Erwerbsarbeit und Kapital geschaffenen Bruttosozialprodukt gleichzusetzen. Wir sehen nicht, dass gesellschaftlicher Reichtum auch von Tätigkeiten gebildet wird, die in den Wirtschaftskreislauf gar nicht eingehen. Dazu gehören Arbeiten in der Familie und im Haushalt, Nachbarschaftshilfen, ehrenamtliches Engagement und vieles mehr. 1994 errechnete das Familienministerium, dass sich das Bruttoinlandsprodukt um ein Drittel erhöhen würde, wenn man die unbezahlte Arbeit in Familie, Haushalt oder Ehrenamt mit nur dem Nettostundensatz einer Hauswirtschafterin bewerten würde.

Diese ganzheitliche, volkswirtschaftliche Betrachtung erweitert das Blickfeld und lockert die gesellschaftliche Fixierung auf die Erwerbsarbeit. Die Ökonomie zweckbestimmter Erwerbsarbeit wird mit unbezahlter Haus- und Eigenarbeit und autonomen Tätigkeiten kombiniert. Unter diesen versteht der französische Sozialphilosoph André Gorz Aktivitäten, die als Selbstzweck, als Bereicherung der Persönlichkeit und als Quellen von Sinn und Freude erfahren werden: "künstlerische, philosophische, wissenschaftliche Tätigkeiten; solche zwischenmenschlicher Beziehung, Erziehung, freiwilliger Nächstenliebe; Tätigkeiten gegenseitiger Hilfe und Tätigkeiten der Selbst-Bildung".

Es ist also eine grundsätzliche Kritik an der modernen Gesellschaft, die seit ihren Anfängen das Herstellen über das Handeln, die "vita activa" über die "vita contemplativa" gestellt hat, wie Hannah Arendt formulierte. Diese Vorherrschaft hat sicherlich einen materiellen Wohlstand beschert. Die hohe und dauerhafte Arbeitslosigkeit zeigt aber auch die Schattenseiten einer an den Werten der bezahlten Erwerbsarbeit ausgerichteten Kultur. Wir leben, so der Berliner Soziologe Wolf Lepenies, in einer vorherrschenden Denktradition, nach der sich das Subjekt durch Arbeit konstituiert, also der Mensch nur da ganz Mensch ist, wo er arbeitet. Sehr früh schon hat sich der Kulturbereich mit dem Wandel von der Arbeits- zur Tätigkeitsgesellschaft auseinandergesetzt und die zentrale Rolle betont, die kulturelle Betätigung und künstlerische Aktivitäten darin spielen können. Der ehemalige Nürnberger Kulturdezernent und Publizist Hermann Glaser hat mit seinem Buch "Das Verschwinden der Arbeit. Die Chancen der neuen Tätigkeitsgesellschaft" diese Diskussion maßgeblich angestoßen. Neue Tätigkeitsformen, so der Grundgedanke Glasers, müssten zu gleichberechtigten Äußerungsformen des Menschen neben der traditionellen Erwerbsarbeit gemacht werden. Dazu reicht ein mentaler Wertewandel allein nicht aus. Es müssen materielle Orte geschaffen und öffentlich finanziert werden, die vorhandene Tätigkeiten konzentrieren und zur Entwicklung neuer Tätigkeitsfelder anspornen, ähnlich wie dies die Fabrik im Hinblick auf die Erwerbsarbeit tut. Ulrich Beck hat den Gedanken der "Tätigkeitsgesellschaft" in der Debatte um die sogenannte "Bürgerarbeit" (Neues Ehrenamt) wieder aufgegriffen.

Literatur:
Arendt, Hanna: Vita activa oder vom tätigen Leben, München: Piper Verlag 1981
Beck, Ulrich: Schöne neue Arbeitswelt. Vision Weltbürgergesellschaft. Frankfurt am Main/New York: Campus 1999
Glaser, Hermann: Das Verschwinden der Arbeit. Die Chancen der neuen Tätigkeitsgesellschaft. Düsseldorf/Wien: Econ 1988
Gorz, André: Kritik der Ökonomischen Vernunft. Sinnfragen am Ende der Arbeitsgesellschaft. Hamburg: Rotbuch 1994

 

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